Lerne Nein sagen ohne Skrupel
Wohlstandscafé mit Bernd Nielsen und Michael Bartelt · 7. Oktober 2026 · @Bernd Nielsen
Sprachlich überarbeitete Fassung des Gesprächstranskripts vom7. Oktober 2026. Füllwörter, Wiederholungen und Transkriptionsfehler wurden bereinigt; der Inhalt bleibt unverändert. Die Sprecherzuordnung ist aus dem Gesprächsverlauf erschlossen.
Begrüßung und Vorstellung
Bernd: Guten Tag, hier ist wieder Bernd Nielsen mit dem Wohlstandscafé. Unser heutiges Thema lautet „Lerne Nein sagen ohne Skrupel“. Der Titel stammt nicht von mir: Es ist der Titel eines Buches des amerikanischen Psychologen Manuel J. Smith, das vor über 40 Jahren erschienen ist. Ich finde es sehr interessant, weil es Wege zeigt, sich durchzusetzen und bei seiner Meinung zu bleiben, ohne sich schuldig zu fühlen. Aber dazu gleich mehr im Gespräch.
Ich freue mich, dass ich einen Gesprächspartner habe, der mich jederzeit unterbrechen darf, wenn ihn etwas interessiert. Michael, stell dich doch bitte noch einmal selbst vor.
Michael: Gern. Ich bin Michael Bartelt, genannt „der Held des Geldes“, und mein Thema sind Finanzen. Dort kommt es häufig vor, dass man etwas nicht möchte und nicht weiß, wie man Nein sagen soll. Oder man hat weitere Fragen und weiß nicht, wie man sie formulieren soll, ohne gefühlt in die Verteidigungs- oder Anklägerhaltung zu geraten. Deshalb finde ich das Thema spannend und freue mich auf den Austausch mit Bernd.
Bernd: Ich habe das Buch vor Jahren gelesen und fand interessant, wie man sich in einem Zweiergespräch behaupten kann. Bei der Vorbereitung ist mir aufgefallen, dass es nicht nur um Selbstbehauptung geht. Es geht auch darum, ein Gespräch in andere Bahnen zu lenken, es am Laufen zu halten und vielleicht selbst etwas daraus zu gewinnen. Ich stelle die Werkzeuge kurz vor, dann können wir die einzelnen genauer besprechen.
Werkzeug 1: Die Schallplatte mit Sprung
Bernd: Das erste Werkzeug finde ich besonders interessant. Es heißt „Schallplatte mit Sprung“. Sie kennen die Situation: Sie möchten etwas von jemandem, zum Beispiel eine Ware umtauschen. Normalerweise bereitet man sich auf die Gegenargumente des Verkäufers vor und legt sich Erklärungen zurecht: Das Gerät entspricht nicht meinen Vorstellungen, es ist mir zu teuer und so weiter. Dasselbe gilt, wenn man eine Einladung nicht annehmen möchte.
Ich kenne das von früher. Meine Frau und ich haben lange überlegt, welche Erklärung wir vorbringen könnten. Entweder findet man eine, die wirklich zutrifft, oder man greift sie aus der Luft. Sie kennen die Geschichte vom Schüler: „Herr Lehrer, ich brauche morgen frei, meine Großmutter ist gestorben.“ Das kann er einmal sagen, aber nicht ständig.
Deshalb ist es gut, eine Methode zu haben. Es geht schlicht darum: Ich möchte die Einladung nicht annehmen. Ich möchte mein Geld zurück. Fragt das Gegenüber „Warum denn nicht? Das ist doch ein tolles Gerät, eine tolle Einladung!“, sucht man keine neue Erklärung. Man sagt nur: „Ich möchte das nicht“ oder „Ich möchte mein Geld zurück.“ Und das wiederholt man, wie bei einer Vinyl-Schallplatte mit Sprung, die immer wieder denselben Abschnitt abspielt. Vielleicht kennt das nicht mehr jeder. Michael hat ja eben gesagt, dass er solche Situationen kennt, etwa wenn er ein Produkt vertreiben soll und Nein sagen möchte. Da kann man sich nicht stundenlang über das Produkt unterhalten.
Michael: Im Verkauf ist das eine besondere Situation. Entweder akzeptiert das Gegenüber ein Nein einfach als Nein. Aber Verkäufer werden darin geschult nachzufragen, um den Grund herauszufinden, ein anderes Argument zu liefern und doch noch ein Ja zu bekommen. Ein klassischer Verkäuferspruch lautet: „Nein ist die Abkürzung für ‚Noch eine Information nötig‘.“ Wer so geschult ist, fragt so lange nach, bis er die Nase voll hat und vor der Schallplattenmethode kapituliert. Oder derjenige, der die Methode anwendet, knickt ein und liefert doch ein Argument. Aus meiner Sicht ist das ein kleiner psychologischer Kampf, und auch eine Frage des Respekts vor dem Gegenüber.
Bernd: Ich denke, es ist auch eine Frage des Trainings. Wer die Methode gewohnt ist und sie bis zum bitteren Ende durchhält, ohne sich zu einem Argument oder einer Erklärung verleiten zu lassen, bei dem verliert der Verkäufer irgendwann die Lust. Aber unendlich geht das nicht, irgendwann bricht einer ab. Der Käufer fragt sich: Ist es mir das wert, dem Verkäufer noch zehn Minuten oder eine halbe Stunde lang zu sagen, dass ich mein Geld zurückwill? Und der Verkäufer fragt sich: Wenn ich ihm überhaupt nicht entgegenkomme, vergraule ich ihn vielleicht, und er erzählt Negatives über mein Geschäft. Dann gibt er lieber das Geld zurück, um weiterhin einen guten Ruf zu behalten. Das ist vielleicht der Punkt. Es kommt immer darauf an, was man selbst will und wie lange man durchhält.
Michael: Bei der Produktrückgabe sehe ich die Rollen eher vertauscht. Der Verkäufer meint, eine Begründung liefern zu müssen, weil er das Geld nicht zurückgeben will. Eigentlich müsste er die Schallplattentechnik anwenden und konsequent bleiben. Dann wäre der Käufer derjenige, der penetrant immer wieder sagt: „Ich will mein Geld zurück. Ich will mein Geld zurück.“ Und der Verkäufer antwortet jedes Mal: „Nein, gibt es nicht.“
Bernd: Dann stehen sich zwei Schallplatten gegenüber.
Michael: Genau. Es ist auch eine Frage der Erziehung. Ich bin zum Beispiel so erzogen worden, dass ich meine Aussagen begründen muss, oder zumindest begründen können sollte. Mit diesem Mindset geht man natürlich in die Situation und glaubt, eine Begründung liefern zu müssen, warum man nicht kommen will, obwohl das nirgends gefordert ist. Wenn ich im Internet etwas kaufe, heißt es: „Möchten Sie zu diesem Preis bestellen?“ Entweder klicke ich auf „Ja“, oder ich schließe die Seite. Da kommt niemand hinterher und fragt, warum ich nicht gekauft habe.
Bernd: Das ist ja das Interessante am Internet: Ich habe keinen Gesprächspartner, sondern eine anonyme Wand. Bei der Hamburger Sparkasse bekomme ich heute niemanden mehr zu fassen, nur noch eine Bandansage. Im Internet funktioniert diese Gesprächstechnik vielleicht nicht, da muss man andere Wege finden. Aber wenn ich einem Menschen persönlich gegenüberstehe oder -sitze, habe ich diese Möglichkeit.
Und wenn beide auf ihrem Standpunkt beharren, muss jeder abwägen. Der Verkäufer: Ist es mir das wert, einen Kunden zu verprellen, der dann vielleicht schlecht über mein Geschäft redet? Der Käufer: Ist es mir das wert, noch zehn Minuten dranzuhängen? Ich wollte diese Methode aber vor allem deshalb vorstellen, weil sie nicht nur im Verkaufsgespräch funktioniert, sondern auch bei Einladungen oder bei Dingen, die ich tun soll. Etwa wenn jemand sagt: „Hier ist eine tolle Vermögensanlage, die musst du unbedingt machen.“
Wenn ich ablehne, versucht er, mir eine Begründung zu entlocken. Will mir jemand zum Beispiel ein nachhaltiges Produkt verkaufen, kann er immer wieder argumentieren: „Ist Ihnen die Umwelt völlig egal? Ist es Ihnen egal, in welcher Umgebung Ihre Kinder und Enkel aufwachsen?“ Damit bringt er mich zum Nachdenken. Sage ich aber: „Nein, ich möchte dieses Produkt nicht, auch wenn es nachhaltig ist“, dann habe ich wenigstens einmal klar Nein gesagt. Das ist eine andere Situation als bei der Rückgabe. Dort hängt es davon ab, ob ich hartnäckig genug bin, den Verkäufer zu überzeugen. Wenn ich dagegen etwas nicht kaufen will, hängt es allein von meiner Entscheidung ab.
Michael: Da kommt es aber auch auf die Fragestellung an, ob es eine offene oder eine geschlossene Frage ist. Wenn ich als Fragender so formuliere, dass man nicht einfach mit Ja oder Nein antworten kann, umgehe ich diese Klippe.
Bernd: Ja, sofern ich nicht auf diese Fragetechnik anspringe und dabei bleibe: „Tut mir leid, ich möchte das Produkt nicht kaufen.“ Aber das ist schon einmal eine Überlegung, wie und ob man die Methode anwenden kann. Übrigens ist die Rückgabe von Waren im Laden heute viel einfacher als vor 30 oder 40 Jahren.
Werkzeug 2: Die Vernebelungstechnik
Bernd: Kommen wir zum nächsten Werkzeug, der sogenannten Vernebelungstechnik. Jemand sagt zu mir zum Beispiel: „Bernd, du bist immer so unordentlich“, „Du bist nicht strukturiert genug“ oder „Du hast deinen Terminplan und dein Zeitmanagement überhaupt nicht im Griff.“ Wenn ich dann ganz allgemein antworte: „Ja, es kann vorkommen, dass ich mal unstrukturiert bin“, dann stimme ich ihm indirekt zu, ohne ihm direkt recht zu geben. Ich sage einfach: „Mag sein, ab und zu bin ich so.“ Auch so kann man solchen Situationen aus dem Weg gehen.
Michael: Wie meinst du das konkret?
Bernd: Wenn mir jemand etwas Unbestimmtes vorwirft und ich nicht weiß, ob ich ein schlechtes Gewissen haben soll, kann ich mich fragen: Ist daran vielleicht etwas dran, zu ein, zwei oder fünf Prozent, ohne dass wir gerade über einen konkreten Einzelfall sprechen? Sagt er: „Bernd, ich habe gestern gesehen, dass du deine Arbeit nicht strukturiert erledigt hast“, dann können wir darüber reden. Wirft er mir aber pauschal vor: „Du bist immer so unordentlich“, was soll ich dazu sagen? Ich kann mich schuldig fühlen. Oder ich sage: „Ich bin ab und zu ein bisschen unordentlich, aber lass uns über etwas anderes sprechen.“
Es gibt noch andere Möglichkeiten, darauf einzugehen. Aber Manuel J. Smith beschreibt das eben als eine Möglichkeit, die Sache ein wenig ins Unbestimmte zu vernebeln, sodass der andere konkreter werden muss, wenn er mir weiter etwas vorhalten will.
Werkzeug 3 und 4: Negative Fragestellung und negative Selbstbehauptung
Michael: Das erreiche ich doch aber auch, wenn ich die Frage einfach zurückgebe: „Wie meinst du das?“
Bernd: Richtig, damit sind wir beim nächsten Werkzeug, der sogenannten negativen Fragestellung. Man sagt: „Werde doch mal konkreter.“ Das gilt nicht nur bei Vorwürfen. Du hast sicher auch erlebt, dass jemand sagt: „Alle Leute sagen das“, und sich auf die Allgemeinheit beruft. Neulich habe ich dazu ein YouTube-Video von Alex Fischer aus Düsseldorf gesehen. Er rät, in so einem Fall ganz ruhig zu bleiben und gezielt nachzufragen: „Was meinst du konkret?“ Oder: „Wenn das alle sagen, wer genau sind denn die anderen?“
Man kann viele Methoden kombinieren, aber dieses Nachfragen finde ich sehr gut. Wenn jemand ganz allgemein bleibt, fragt man: „Welchen Fall hast du vor Augen? Wann war das? Wie habe ich mich verhalten?“ Daraus kann man auch persönlich etwas lernen. Vielleicht hat der andere ja recht. Er hat seine Behauptung wahrscheinlich nicht völlig aus der Luft gegriffen, sondern etwas bemerkt, auch wenn er im Moment keinen konkreten Einzelfall parat hat oder ihn aus bestimmten Gründen nicht ansprechen will. Durch das Nachfragen bringe ich ihn dazu, konkreter zu werden.
Michael: Klar, und da kannst du natürlich wieder die Schallplatte einsetzen. Bei jedem neuen Grund fragst du erneut: „Wie meinst du das? Wie ist das zu verstehen?“
Bernd: Dazu ein Beispiel aus meinem Berufsleben. Mein früherer Chef, mit dem ich damals relativ wenig zu tun hatte, hatte die Angewohnheit, in Fachgesprächen immer zu sagen: „Das ist ständige Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs“ oder „des Bundesfinanzhofs“. Als junger Mitarbeiter ist man da erst einmal wie vor den Kopf geschlagen. Ich habe es etwas anders gemacht: Ich habe ihn nicht nach der Fundstelle gefragt, sondern sie selbst gesucht und gefunden. Dann bin ich damit zu ihm gegangen und habe versucht, das Gespräch auf eine sachliche Ebene zu bringen. Wir haben verglichen, ob der Fall, den der Bundesgerichtshof entschieden hatte, auf unseren Fall passt, und festgestellt: Vielleicht passt er nicht.
Frei nach den alten Witzen von Radio Eriwan: „Stimmt es, dass …?“ – „Im Prinzip ja, aber …“, und am Ende kommt man zu einem ganz anderen Ergebnis. Man kann das Nachfragen also auch mit Unterlagen und Material untermauern. Im Mittelpunkt steht, dass man sich nicht überfahren lässt.
Michael: Die Schallplattentechnik beherrschen übrigens schon Kinder sehr früh. Sie fragen: „Warum ist das so?“ Die Eltern liefern eine Erklärung, und wieder kommt: „Warum?“ Bis den Eltern irgendwann der Geduldsfaden reißt und die Antwort lautet: „Darum!“ Das ist dasselbe wie beim Chef mit der ständigen Rechtsprechung, der kraft seiner Autorität spricht. Er will es gar nicht groß begründen, hat es vielleicht nicht einmal gelesen. Er weiß aber: Sobald er „ständige Rechtsprechung“ sagt, sind erst einmal alle ruhig und denken: Na ja, dann ist das wohl so. Mit dieser Verallgemeinerung muss er keine Einzelheiten nachliefern und sich nicht damit auseinandersetzen, ob er richtig liegt.
Bernd: Das ist das Interessante: Die Kinder nehmen genau diese Rolle ein. Und es gibt die berühmte Geschichte: „Papa, wo sind meine Bermudas?“ – „Frag deine Mutter, die räumt doch alles weg.“ Man schiebt die Frage ab, und jemand anders soll sie beantworten.
Das also ist die negative Fragestellung. Davor gibt es noch die negative Selbstbehauptung: Man gibt etwas kurz zu, ohne sich zu rechtfertigen. „Du hast einen Fehler gemacht.“ – „Stimmt, ich habe einen Fehler gemacht.“ Keine Erklärung, kein Warum, Wieso, Weshalb, sondern man belässt es dabei. Dann sieht man, ob der andere weiter in diese Richtung geht oder ob man plötzlich bei einem anderen Thema landet. Ich gebe also einfach etwas zu, ohne „Es tut mir leid“ oder „mea culpa“. Ich sage: „Stimmt, das habe ich gemacht.“ So kann man die Sache auf eine sachliche Ebene bringen, das Thema vielleicht ganz abkürzen oder abwarten, wie der andere reagiert. Oft braucht man gar nicht viel zu sagen.
Michael: Bevor du zum nächsten Punkt kommst: Es hängt natürlich davon ab, wie der Vorwurf formuliert ist. Sagt jemand: „Du hast die Gläser in der Küche in das Fach geräumt, in das sonst nur die Teller gehören“, ist das erst einmal ein konkretes Beispiel. Da kann man einfach sagen: „Ja, habe ich, ich gelobe Besserung.“ Ist er aber manipulativ oder vorwurfsvoll unterwegs, sagt er: „Du räumst immer die Gläser dahin, wo die Teller hingehören.“ Wenn du dann sagst „Ja, mache ich“, schaufelst du dir unter Umständen dein eigenes Grab.
Bernd: Insofern kann man dann wieder die anderen Methoden anwenden. Nicht alles hier …
Michael: Entschuldigung, ich wollte nur sagen: Man muss genau darauf achten, wie der Vorwurf, die „Anklage“, formuliert ist, um den Konflikt nicht hochzuschrauben. Sagt jemand „Du machst das immer so“ und du antwortest ganz trocken „Ja“, bekommt der andere den Eindruck: Das ist mir doch egal. Gerade in einer Beziehung ist das der erste Baustein für einen handfesten Konflikt, weil sich der andere nicht ernst genommen fühlt. Da sollte man schon sagen: „Okay, wie kommst du darauf, dass ich das immer so mache?“
Bernd: Das stimmt. Man braucht Fingerspitzengefühl für die Situation. Man kann nicht alles ohne Weiteres anwenden, sondern muss überlegen, wie man reagiert. Mir fällt noch etwas ein: Wenn man einen Fehler zugibt, sollte man sich auch darüber im Klaren sein, ob das Konsequenzen hat. Sagt ein Polizist: „Sie haben das Auto gestohlen“, und ich antworte: „Ja, ich habe das Auto gestohlen“, dann muss ich mit Folgen rechnen. Das ist alles nicht so einfach. Interessant finde ich nur, dass man verschiedene Methoden hat und überlegen kann, wie man sie einsetzt.
Werkzeug 5: Freie Information aufgreifen – das Gespräch lenken
Bernd: Es gibt noch ein Werkzeug, bei dem ich zuerst nicht verstanden habe, wie es hier hineinpasst. Sagt mein Gesprächspartner: „Ich habe ständig Rückenschmerzen“, kann ich mich mit ihm über seine Rückenschmerzen unterhalten. Oder ich sage: „Das kenne ich, schau mal, was ich dagegen gemacht habe.“ Sagt er aber: „Ich habe von der Gartenarbeit Rückenschmerzen“, kann ich die Gartenarbeit aufgreifen: „Ach, du arbeitest im Garten? Was pflanzt du denn an?“ Man lenkt also ab. Dieses Beispiel passt besser als das bloße Rückenproblem, weil man eine zusätzliche Information aufgreift, die man nebenbei bekommen hat.
Oder jemand sagt: „Ich habe mich am Flughafen geärgert, weil alle Flüge Verspätung hatten.“ – „Ach, Sie wollten verreisen? Wohin denn?“ Man nutzt die Gelegenheit, das Gespräch zu lenken: weg von den Problemen, weg von der drohenden Klagearie, hin zu einem ganz anderen Thema. Man übernimmt also die Gesprächsführung. Das finde ich eine ganz interessante Sache.
Michael: Ja, und das macht man viel zu selten.
Bernd: Bei einem Satz wie „Ich habe von der Gartenarbeit so viele Rückenprobleme“ greift man aus der Information das heraus, was einen selbst interessiert, statt auf das einzugehen, was der andere für wichtig hält, die Rückenprobleme. Springt der andere auf die Gartenarbeit an, habe ich ihn von seinen Rückenproblemen abgelenkt und mich für seinen Garten interessiert. Das ist vielleicht das bessere Thema.
Michael: Das kann durchaus das bessere Thema sein, ist aber auch eine sehr manipulative Technik. Je nach Formulierung kann der andere es als …
Bernd: … Missachtung …
Michael: … als respektlos empfinden, genau. Denn der andere sagt ja: „Ich habe Rückenschmerzen“ und signalisiert damit, dass er darüber reden möchte. Genau das lernt ein Verkäufer: Wird ein Thema angeschnitten, geht man darauf ein, um das Eis zu brechen, eine Beziehung aufzubauen und am Ende das eigene Produkt zu verkaufen, auch wenn es mit dem Thema gar nichts zu tun hat. Wenn ich dagegen auf „Ich habe Rückenschmerzen“ antworte: „Schauen Sie sich mal diese Finanzanlage an, da bekommen Sie zwölf Prozent Zinsen, und dies und das“, dann lenke ich das Thema einfach um. Der andere will höflich sein und stellt Fragen. Damit habe ich eine Situation geschaffen, in der die Gefahr besteht, dass er das Produkt zwar kauft, dann aber innerhalb der Widerrufsfrist sein Widerrufsrecht nutzt und sagt: So nicht.
Bernd: Da hast du völlig recht. Es kommt vor allem darauf an, ob man eine Information aufgreift, die man bekommen hat. Das ist harmloser, als ein völlig neues Thema anzufangen. Trotzdem hast du recht, dass sich der andere fragen kann: „Warum springt er plötzlich auf die Gartenarbeit an? Ich wollte doch von meinen Rückenproblemen erzählen.“ Das erfordert Fingerspitzengefühl. Wer geschickt ist, kann beides verbinden: „Das kenne ich auch. Aber ich habe ein Werkzeug entdeckt, mit dem ich mich nicht mehr bücken muss.“ Etwa einen verstellbaren Dreizack aus dem Baumarkt, den man für alles Mögliche verwenden kann, oder eine Teleskop-Greifzange. Auf jeden Fall kommt es immer auf das Fingerspitzengefühl an.
Werkzeug 6: Der praktikable Kompromiss
Bernd: Zum Schluss noch ein Thema, das man vielleicht schon viel früher hätte ansprechen können: der praktikable Kompromiss. Jemand sagt: „Ich ziehe morgen um und brauche dich von 10 bis 16 Uhr.“ Du antwortest: „10 bis 16 Uhr ist mir zu lang, aber von 10 bis 12 Uhr kann ich dir helfen. Hilft dir das?“ So weiß er: Ich bin dabei, aber nicht die ganze Zeit.
Früher, als ich noch jung und kräftig war, habe ich Freunden oft beim Umzug geholfen. Dabei habe ich Leute erlebt, die überhaupt nicht hilfsbereit waren. Einer kam an, redete stundenlang darüber, wo er seine kostbare Lederjacke aufhängen könne, stand herum und wusste nicht, was er tun sollte. Bei solchen Leuten hat man dann keine Lust mehr mitzuhelfen. Man kann seine Hilfe aber auch an eine Bedingung knüpfen: „Ich helfe mit, wenn die anderen ebenfalls kompromissbereit und hilfsbereit sind und nicht nur an ihre tolle Lederjacke denken.“
Quintessenz und Verabschiedung
Bernd: Man kann all diese Methoden auch kombinieren. Für mich war die Quintessenz meiner Beschäftigung mit dem Thema: Es geht nicht nur darum, sich selbst zu behaupten, sondern auch darum, selbst etwas daraus zu lernen. Es kommt weniger darauf an, welche Erklärung ich anbiete, als darauf, dass man mich als Person ernst nimmt. Wenn Bernd Nein sagt, muss man nicht nachfragen. Man weiß: Er ist hilfsbereit und kommt sonst gern, und wenn er diesmal Nein sagt, akzeptiert man das.
Außerdem kann ich selbst die Gesprächsführung übernehmen, indem ich Fragen stelle oder ein neues Thema anspreche. Oder ich bringe den anderen dazu, das Gespräch am Laufen zu halten, ohne mir Vorhaltungen zu machen. Das ist die Quintessenz, die ich aus dem Ganzen ziehe.
Michael: Mhm, ja.
Bernd: Es ist eine Möglichkeit, sich mit solchen Dingen zu befassen. Vielleicht lässt sich nicht alles ohne Weiteres anwenden, manches muss man auch üben. Ich weiß noch, wann ich zum ersten Mal dachte, ich könnte die Schallplatte mit Sprung aus dem Buch anwenden. Das war vor rund 30 Jahren, in den 90ern. Wir hatten einen Gameboy gekauft, ich glaube für meinen Sohn. Als wir den Laden verlassen hatten und ein paar hundert Meter weitergegangen waren, kam meine Tochter und wollte auch einen Gameboy haben. Wir wollten nicht umkehren und schauten deshalb, ob das Geschäft gleich nebenan diesen Gameboy auch hatte. Dort war er ein paar Mark billiger.
Da dachte ich: Warum nicht einmal versuchen, die drei, fünf oder acht Mark, ich weiß es nicht mehr genau, beim ersten Laden zurückzuholen? Ich habe mich darauf vorbereitet, die Schallplatte mit Sprung anzuwenden, und war fast enttäuscht, als der Verkäufer sagte: „Kein Problem, das erstatten wir Ihnen.“ Man braucht die Methode also nur ab und zu. Gerade in dieser Zeit haben sich Verkäufer und Geschäfte umgestellt und sind kulanter gegenüber Kunden geworden, statt grundsätzlich zu sagen: Sie haben keine Chance. Man merkt also, dass sich die Dinge ändern. Das ist der Kern des Ganzen.
Ich würde sagen, wir haben eine Menge besprochen. Deine Bemerkungen und vor allem deine Argumente fand ich sehr gut, sie haben mich weitergebracht. Ich freue mich auf das nächste Mal. Das Thema muss ich noch genauer formulieren, es wird um Gesundheit gehen. Auf jeden Fall habe ich dann wieder einen Gesprächspartner. Ich bedanke mich und sage: Tschüss, bis zum nächsten Mal.
Michael: Ciao, bis zum nächsten Mal.
Bernd: Tschüss.