Wohlstandscafé – Leise, aber nicht schwach
Sep 30, 2026 · @Bernd Nielsen
Begrüßung und Vorstellung
Bernd Nielsen: Guten Tag, hier ist wieder Bernd Nielsen mit dem Wohlstandscafé. Ich begrüße euch alle herzlich.
Lasst mich noch einmal kurz erklären, was ich mit dem Wohlstandscafé bezwecke. Es soll eine regelmäßige Veranstaltung sein, einmal pro Woche – derzeit treffen wir uns immer mittwochs. Ich werde immer dabei sein, ganz gleich, wie viele Zuschauer oder Gesprächspartner kommen. Ich stelle jedes Mal ein Thema vor, das mir auf der Seele brennt, und sage etwas dazu.
Heute darf ich meine Gesprächspartnerin Natalie Stürchler begrüßen. Natalie, schön, dass du da bist – stell dich doch bitte kurz vor.
Natalie Stürchler: Hallo Bernd, vielen Dank, dass ich hier sein darf. Ich bin Natalie. Ich verbinde Energetik, Mentaltraining aus dem Leistungssport und Körperbewusstsein. Damit unterstütze ich Menschen, die feststecken, keine Kraft mehr haben oder den Sinn in ihrem Leben verloren haben. Die Frage ist: Wie lässt sich das Feuer wieder entfachen, sodass man wieder Freude am Leben hat und einen Sinn sieht?
Bernd Nielsen: Das ist schon ein guter Einstieg in unser Thema.
Das Thema: Leise, aber nicht schwach
Bernd Nielsen: Das Wohlstandscafé soll fünf Bereiche zusammenbringen, die miteinander verzahnt sind und gemeinsam zu einem erfüllten Leben gehören: Gesundheit und Fitness, Soziales und Familie, Finanzen, die mentale Einstellung sowie den Sinn im Leben.
Unser heutiges Thema lautet „Leise, aber nicht schwach“. Wir kennen das sicher aus vielen Bereichen: Es gibt Menschen, die sich ständig zu Wort melden und viel erzählen – manchmal viel Gutes, manchmal aber auch viel Unsinn. Die Frage ist, wie man damit umgeht, gerade wenn man selbst eher ein leiser Mensch ist.
Ich möchte vorausschicken: Ich bin kein Fachmann für Verhaltensweisen oder Auftreten. Ich habe aber viele Erfahrungen gesammelt, und dieses Muster begegnet mir in vielen Lebensbereichen immer wieder. Drei davon möchte ich herausgreifen:
- Schule und Ausbildung: Hatte man dort viel mit Menschen zu tun, die ständig im Vordergrund standen?
- Beruf: Gibt es in Besprechungen Leute, die permanent das Wort ergreifen, alles dominieren und andere regelrecht an die Wand reden?
- Alltag: Ob im Zweiergespräch, in dem einer ununterbrochen redet und der andere nur zuhört, oder am Tisch mit vier, fünf Leuten, an dem zwei das Gespräch beherrschen.
Vielleicht erzählen wir dazu einfach ein paar eigene Erlebnisse. Wie siehst du das? Siehst du weitere Bereiche? Gibt es etwas, das du für unwichtig hältst – oder für besonders wichtig?
Natalie Stürchler: Ich bin sicher, dass es ein wichtiges Thema ist. Ich sehe da zwei Arten von Menschen – ich bin Schweizerin, manchmal muss ich nach den richtigen deutschen Worten suchen. (lacht) Die einen sind still, weil sie zu einem Thema gerade nichts zu sagen haben, hören aber interessiert zu. Die anderen ziehen sich immer zurück, obwohl sie eigentlich etwas sagen möchten – sie trauen sich nur nicht. Von diesen sprichst du vor allem, oder?
Bernd Nielsen: Ja, vielleicht auch. Bei der Vorbereitung auf dieses Gespräch fiel mir ein Erlebnis ein, das zeigt: Man ist nicht immer nur der Leise und nicht immer nur der Laute.
Normalerweise bin ich eher der Leisere. Vor einigen Jahren habe ich über Xing eine Frau kennengelernt. Wir haben uns verabredet, um zu sehen, ob wir beruflich etwas gemeinsam machen könnten. Sie stellte so gezielte Fragen, dass sie mich immer wieder zum Reden brachte – eine Frage folgte auf die nächste. Und ich muss gestehen: Ich habe es genossen und gar nicht gemerkt, dass ich fast nur noch geredet habe.
Von den zwei Stunden habe ich vielleicht eindreiviertel Stunden gesprochen. Ganz zum Schluss sagte sie plötzlich, sie könne sich eine Zusammenarbeit mit mir nicht vorstellen, weil sie selbst nicht zu Wort käme. Und sie hatte natürlich recht. Ich hätte irgendwann unterbrechen und sagen können: „Halt, jetzt haben wir genug über mich gesprochen – erzähl du doch mal etwas von dir.“
Daraus habe ich gelernt: Der Leise ist nicht ständig leise. Ab und zu sprudelt es auch aus ihm heraus – so erlebe ich mich häufig selbst. Und umgekehrt ist der Laute manchmal auch der Leise. Man kann das Thema also genauso umdrehen: Auch der Leise sollte sich hinterfragen. Habe ich mich so verhalten, wie ich es mir wünsche? Oder bin ich in genau die Falle getappt, die ich anderen immer vorwerfe?
Natalie Stürchler: Wir beobachten und reflektieren uns zwar, aber Gespräche sind so dynamisch, dass das jedem einmal passiert – was zu wenig ist und was zu viel. Ich halte es für wichtig, dass gerade leise Menschen auch einmal eine Plattform haben, um über etwas zu reden.
Das merke ich oft bei guten Freunden. Wenn wir telefonieren, haben sie sehr viel zu erzählen – über Privates, wie es ihnen geht, was sie erlebt haben. Meist sind das Menschen, die im Beruf viel Verantwortung tragen und mit ihrem Team keine persönlichen Dinge besprechen können. Irgendwann muss das heraus. Sonst hören sie immer nur zu, leisten, organisieren, verbessern – und tragen sehr viel. Das sind nicht unbedingt laute Menschen, aber das Bedürfnis, es einfach mal sprudeln zu lassen, kommt dann plötzlich. Deshalb ist es so wichtig, dass sie eine solche Plattform haben.
Bernd Nielsen: Statt von lauten und leisen Menschen könnte man auch von extrovertierten und introvertierten sprechen. Mir geht es dabei nicht darum, dass jemand laut ist, sondern dass er verhältnismäßig viel redet.
Hinzu kommt: Wer im Beruf viel redet und es gewohnt ist, dass man ihm zuhört und er alles lenkt – nicht nur die Gespräche, sondern auch deren Ergebnisse –, verhält sich oft auch privat so. Eine Führungskraft oder ein Unternehmer, der als dynamische Persönlichkeit gilt und acht bis zehn Stunden am Tag alles lenkt und leitet, kann nicht einfach abschalten. Vielleicht ist er abends ausgebrannt und will seine Ruhe haben – aber seine Art ändert sich deshalb nicht.
Erfahrungen aus Schule und Beruf
Bernd Nielsen: Man kann zunächst einmal unterscheiden, welche Arten von lauten Menschen es überhaupt gibt. Ich beginne mit einem Beispiel aus der Schulzeit, an die ich mich – von der 11. bis zur 13. Klasse – noch gut erinnere.
In Fächern mit viel Diskussion, etwa Deutsch und Gemeinschaftskunde, gab es immer drei bis fünf Mitschüler, die viel redeten. Dabei ließen sich einige Typen erkennen. Einer hatte grundsätzlich eine Meinung; er war politisch aktiv und glaubte, seine politische Haltung immer einbringen zu müssen. Ich will das nicht bewerten, aber er war ständig dabei. Ein anderer warf gern Schlagworte ein. Als wir uns einmal über Freiheit unterhielten, brachte er die marxistische Definition: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit.“ Ein Schlagwort, das in dem Moment überhaupt nicht passte. Und dann gab es noch einen, der eher schwärmerisch war. Wir anderen haben uns kaum gemeldet.
Dann tat der Lehrer etwas, das damals ungewöhnlich war: Er ordnete Gruppenarbeit an. Wir sollten in vier oder fünf Gruppen ein Buch besprechen. Dabei zeigte sich: In den Gruppen, in denen die Vielredner nicht saßen, äußerten sich die anderen viel häufiger – und trugen viel Substanzielles bei. Das fand ich großartig, und man kann daraus lernen.
Im Beruf, in der Ausbildung und auch privat kann es also helfen, sich nicht nur in großen Runden zu unterhalten, sondern ab und zu ein, zwei Leute beiseitezunehmen. Stellen wir uns eine Feier vor: Man sitzt mit fünf, sechs Leuten am Tisch, und ein oder zwei bestreiten das ganze Gespräch. Dann kann man sich gezielt seinem Nachbarn zuwenden: „Was machst du gerade? Du hast neulich erzählt, du hast einen neuen Job – wie läuft es? Wie geht es mit den Kindern? Wie bereitest du deinen Urlaub vor?“ So greift man gezielt ein Thema heraus und macht aus der größeren eine kleinere Runde, in der auch andere zu Wort kommen.
Daran schließt die Frage an: Wie verhalten sich leise Menschen, wenn jemand das Gespräch dominiert? Ich habe dir neulich von einem Termin erzählt, den wir gemeinsam besucht haben. Ist dir deutlich geworden, wie ich mich dort verhalten habe – oder soll ich es selbst erzählen?
Natalie Stürchler: Erzähl es selbst.
Bernd Nielsen: Ich habe mich damals etwas zurückgezogen und eher beobachtet – nach dem Motto: Lasst sie ruhig reden. Später habe ich mich sogar vorzeitig von der Veranstaltung verabschiedet. Das ist typisch: ein stiller Rückzug, entweder innerlich im Gespräch oder ganz real, indem man geht. Und genau das müsste eigentlich nicht sein.
Natalie Stürchler: Muss nicht sein – und trotzdem: Wenn mehrere Menschen zusammenkommen, entsteht automatisch eine Gruppendynamik. Ich mache das auch so. Ich kann vor einem Fest einfach nach Hause gehen oder direkt nach dem Essen bezahlen und gehen, wenn ich merke, dass die Dynamik nicht zu mir passt.
Es ist interessant, dass du dieses Thema aufgreifst. Ich habe für heute Abend meine eigene Veranstaltung vorbereitet und nehme das Thema dafür immer aus den persönlichen Gesprächen der letzten ein, zwei Wochen. Und genau dieses Thema ist dabei herausgekommen. Viele Menschen fühlen sich nicht gehört. Sie sagen etwas, und es wird abgetan. Oder sie haben das Gefühl, für die Themen, die sie wirklich betreffen, niemanden zum Reden zu haben.
Aus einer Gruppe, die nicht passt, geht man dann eben einmal heraus. Wichtig ist aber, aktiv Menschen zu suchen, bei denen man so sein kann, wie man ist. Das Umfeld ist entscheidend: dass man gehört wird, sich mitteilen kann und nicht für das verurteilt wird, was man sagt. Sonst zieht man sich immer mehr in sich zurück. Ich habe Gruppen, in denen ich nie etwas sage, und Gruppen, in denen ich einfach ich selbst sein kann – und dort lasse ich in der Regel auch die anderen so sein, wie sie sind.
Warum Menschen leise sind – und wie sie zu Wort kommen
Bernd Nielsen: Zuhören ist natürlich wichtig, das ist völlig klar. Mir geht es aber darum: Wenn man eine Situation als negativ empfindet, hat man im Großen und Ganzen drei Möglichkeiten.
- Aktiv gehen: Man verabschiedet sich, geht hinaus und meldet sich vielleicht nie wieder. Aber ist das überhaupt das Ziel?
- Passiv bleiben: Man hört nur noch zu – oder gar nicht mehr –, bleibt aber körperlich anwesend.
- Sich einbringen: Man findet einen Weg, etwas zu sagen. Zum Beispiel: „Ich finde toll, was du sagst, aber lass mich auch einmal zu Wort kommen.“ Oder man wendet sich an den Gesprächsleiter und bittet ihn, aktiver zu moderieren: Jeder darf das Wort ergreifen, aber nicht länger als ein bis drei Minuten. Es geht nicht darum, jemandem das Wort abzuschneiden, sondern ihn zu bitten, zum Punkt zu kommen, damit auch die anderen an die Reihe kommen.
Eine weitere Möglichkeit ist, wie gesagt, aus einer großen Runde bewusst eine kleinere zu machen.
Lass uns aber kurz besprechen, warum viele Menschen leise sind. Warum melden sie sich nicht und überlassen anderen das große Wort? Hast du dir darüber schon einmal Gedanken gemacht?
Natalie Stürchler: Gerade in unserer Generation – heute hat sich das wohl etwas verändert, teilweise aber auch nicht – hat man in der Schule gelernt: Man darf erst etwas sagen, wenn der Lehrer fertig ist, und die Antwort muss richtig sein. Was ich sage, muss genau passen, sonst liege ich falsch.
Bernd Nielsen: Darf ich kurz einhaken? Der Lehrer will das Richtige hören, und deshalb meldet man sich nicht. Warum? Weil man nichts Falsches sagen will.
Natalie Stürchler: Aus Angst.
Bernd Nielsen: Genau – aus Angst oder aus Scham, sich lächerlich zu machen. Und das gilt nicht nur, wenn der Lehrer jemanden direkt aufruft, sondern auch im Klassengespräch, selbst wenn es nicht benotet wird. Manchen ist es völlig egal, ob sie etwas Falsches sagen. Andere – und dazu gehörte ich in der Schulzeit – sagen wenig, solange sie nicht sicher sind, dass es stimmt.
Ich habe mich gefragt, wann ich mich damals gemeldet habe. Die Antwort: wenn ich etwas wusste. Selten dagegen, wenn ich eine Meinung äußern sollte. Wissen ist objektiv und beweisbar. Dass die Bundesrepublik 1949 gegründet wurde, kann man nachschlagen. Eine Meinung über politische Verhältnisse dagegen kann ich nicht beweisen. Man kann sie mir glauben, ich kann andere überzeugen – aber ich kann mich auch blamieren, wenn ich Unsinn erzähle. Deshalb war ich sicher, wenn es um Wissen ging, und habe mich oft zurückgehalten, wenn nur eine Meinung gefragt war.
Dazu ein Beispiel aus meiner Zeit als Angestellter. Ich war damals bereits Steuerberater, vielleicht schon Wirtschaftsprüfer. Ein Kollege aus einer anderen Abteilung kam mit einem Problem zu mir und fragte, wie ich es sehe. Ich sagte ihm meine Meinung. Er trug sie in einer Besprechung bei seinem Chef vor, und irgendwann fiel mein Name. Daraufhin ließ der Chef mich kommen und hielt mir Urteile entgegen: „Der Bundesgerichtshof sagt in ständiger Rechtsprechung … Der Bundesfinanzhof sagt in ständiger Rechtsprechung …“ – also die beiden höchsten Gerichte für Zivil- und Steuersachen.
Ich war wie erschlagen, weil ich diese Rechtsprechung nicht kannte, und habe mich in der Sitzung zurückgehalten. Am nächsten Tag hatte ich mich vorbereitet und bat darum, noch einmal über die „ständige Rechtsprechung“ zu sprechen. Ganz vorsichtig, ohne dass der Chef sein Gesicht verlor, habe ich meine Sicht dargelegt – und konnte sie belegen: „Der Bundesfinanzhof hat im Urteil vom soundsovielten Folgendes entschieden.“ Da konnte ich mich wieder auf mein Wissen verlassen.
Auch privat ist mir das öfter passiert, dass mir jemand etwas um die Ohren gehauen hat, etwa: „Wir haben doch gar keinen Friedensvertrag.“ In dem Moment kann ich dazu nichts sagen. Dann habe ich entweder geschwiegen oder gesagt: „Das kann ich nicht beurteilen, dafür fehlen mir die Grundkenntnisse. Aber du kannst auch nicht belegen, dass du recht hast – du behauptest es nur. Lass uns in ein, zwei Tagen noch einmal darüber sprechen.“
Ich habe festgestellt: Ich brauche etwas, auf das ich mich stützen kann. Und genau hier können sich leise Menschen Vorteile verschaffen. Lauten Menschen kommt es oft darauf an, schnell etwas zu sagen und die Meinung oder die Gruppe zu beherrschen – ob sie recht haben, ist zweitrangig. Der leise Mensch sagt etwas, wenn er weiß, dass er recht hat.
Und er kann sich vorbereiten – egal ob für eine private Veranstaltung oder ein berufliches Thema. Er kann zuhören, sinnvolle Beiträge leisten und auch jemanden unterbrechen, der etwas völlig Falsches sagt: „Lass uns doch mal die Fakten anschauen – ich habe das gerade nachgeschlagen, hier auf dem Handy.“ So können sich leise Menschen profilieren. Denn leise heißt nicht dumm. Leise ist jemand, der sich zurückhält, sich nicht blamieren will und nur dann etwas sagt, wenn er zu hundert Prozent überzeugt ist – nicht nur zu 51 Prozent.
Auch bei den Vielrednern lässt sich weiter unterscheiden. Ich habe jemanden kennengelernt, der zu jedem Thema etwas zu sagen hatte – und meistens lag er falsch. Einmal ordnete er einen bekannten Unternehmer aus der Logistikbranche einer völlig anderen Branche zu, nur weil dort ein Hersteller von eingelegten Gurken denselben Namen trug. Mit diesem hatte er aber nichts zu tun. Da kann man unterbrechen und sagen: „Halt, lass uns mal die Kirche im Dorf lassen.“ Solche Leute gibt es eben auch – sie reden ständig und viel Unsinn.
Es geht darum, in sich die Kraft zu finden, so jemanden auch einmal zu unterbrechen oder zu sagen: „Lass uns kurz zusammenfassen, was du gerade gesagt hast.“ Vor allem geht es um Selbstbewusstsein. Leisen Menschen möchte ich sagen: Du bist ruhig, aber nicht dumm. Du brauchst nur eine Plattform oder einen Weg, um selbst in den Vordergrund zu treten. In Besprechungen etwa mit Sätzen wie:
- „Ich habe folgenden Vorschlag.“
- „Lass mich bitte ausreden.“
- „Darf ich kurz unterbrechen?“
- „Darf ich zusammenfassen?“
- „Wenn ich dich richtig verstanden habe, bist du der Meinung, dass …“
„Behaupten“ ist vielleicht das falsche Wort – aber es geht darum, wie man selbst zu Wort kommt.
Natalie Stürchler: Ich glaube, das ist für viele ein wichtiges Thema, gerade im Beruf. Es hat, wie du sagst, viel mit Selbstvertrauen zu tun, und das kann man üben. Zum Beispiel, indem man sich zunächst private Räume schafft, in denen man gesehen wird, die Leute zuhören und einem Mut machen. Im Beruf traut man sich dann langsam mit kleinen Dingen, wenn es anfangs noch gar nicht geht.
Bernd Nielsen: Da bin ich ganz bei dir.
Natalie Stürchler: Es geht darum, sich selbst zu stärken. Sonst wird man immer kleiner, und bei manchen führt das irgendwann fast in eine Depression. Es ist wirklich wichtig, dass man sich ausdrücken kann. Denn viele, die wenig sagen, haben wirklich etwas zu sagen. Sie sind oft tiefgründiger und analysieren länger.
In der Schule war ich selbst so: Es gab Fächer, die mich überhaupt nicht interessierten – da habe ich wohl ein ganzes Jahr lang nichts gesagt, wenn der Lehrer es nicht unbedingt verlangte. Und es gab Fächer, die mich begeisterten – da war ich voll dabei. Deshalb mein Rat: Such dir privat ein Thema oder ein Hobby, bei dem du Menschen zum Austausch findest und dir das Herz aufgeht. Das öffnet dich innerlich.
Bernd Nielsen: Genau das wollte ich auch gerade sagen. Gerade bei privaten Treffen kann man sich ein Thema nehmen und sagen: „Leute, ich muss euch was erzählen – mir ist im Beruf Folgendes passiert.“ Das kann ein Erfolg sein oder auch etwas Negatives. Ich kenne genug Leute, die solche Gelegenheiten nutzen und viel von sich erzählen – vom Beruf, von der Familie, von der Schule ihrer Kinder. Ich selbst habe das selten getan. Aber genau darauf kommt es an: sich ganz bewusst auch einmal in den Vordergrund zu stellen.
Ausblick und Verabschiedung
Bernd Nielsen: Ich möchte langsam zum Schluss kommen. Für die nächste Veranstaltung habe ich mir ein Thema überlegt, das direkt hier anschließt. Der amerikanische Psychologe Manuel J. Smith hat das Buch „Sag nein ohne Skrupel“ geschrieben. Darin stellt er eine Reihe von Werkzeugen vor, mit denen man sich behaupten kann – wenn man Nein sagen muss oder sein eigenes Anliegen vorbringen will. Diese Werkzeuge möchte ich beim nächsten Mal vorstellen. Heute ist der 30. September, also am 7. Oktober.
Bis dahin bedanke ich mich bei dir, Natalie, dass du heute da warst und wir ein so interessantes Gespräch geführt haben. Ich würde mich freuen, wenn du wie jedes Mal einen kurzen Text mit ein paar Hinweisen daraus machst, wie man sich verhalten kann. Du hast das Schlusswort.
Natalie Stürchler: Vielen Dank! Ich finde das Thema Neinsagen super. Ich sage immer: „Nein.“ Punkt. Das ist ein ganzer Satz.